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Leserbrief der kuban. Botschaft an Die Presse

Brief des kubanischen Botschafters an Presse-Chefredakteur Rainer Nowak

Hr. Rainer Nowak
Chefredakteur – Die Presse
Hainburger Strasse 33
1030 Wien

Wien, am 4. Februar 2013

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Ich gestehe, dass ich beim Lesen des Presseartikels vom vergangenen 13.01.2013, „Es ist egal, wie es Fidel geht“, von Stefan Apfl, sehr empört war. Ich konnte nicht verstehen, dass eine österreichische Zeitung einen so unausgeglichenen, politisch motivierten Artikel, offensiv für unser Volk und voll von Vorurteilen, schreiben würde.

Ich bedauere es zu sagen, aber Artikel dieser Natur, habe ich nur in den anti-kubanischen Nachrichten der Pressemedien, die die Interessen der ultra-rechten Mafia in Miami vertreten, gelesen.

Der genannte Artikel stellt ein sehr verzerrtes Bild der kubanischen Realität dar und diese ist sehr verschieden von dem was Millionen von Personen, die jährlich mein Land bereisen – im Rahmen des täglichen Kontaktes mit unserem Volk – gewohnt sind.

Ich will nicht leugnen, dass wir mit Problemen und Einschränkungen, die dem kubanischen Volk Engpässe und Schwierigkeiten verursachen, konfrontiert sind. Aber glauben Sie mir, es erfordert einen tiefen Blick und eine vorurteilsfrei Herangehensweise an unsere komplexe und vielfältige Gesellschaft, um sich eine Urteil zu bilden-mit einem minimalen Objektivitätssinn.

Es ist auch wahr, dass viele Probleme in Kuba ausschließlich mit uns zu tun haben, deshalb wurde beschlossen, als Ergebnis eines breiten partizipativen Prozesses, die Aktualisierung des kubanischen Wirtschafts- und Sozialmodels in die Wege zu leiten mit dem Ziel, notwendige Veränderungen zu machen, die uns erlauben können, die Effizienz und die Produktivität unserer Wirtschaft zu steigern und damit auch die Lebensqualität unseres Volkes zu verbessern.
Nach dieser Einleitung, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass der in der Presse veröffentlichte Artikel in gar keiner Weise die grausame und unmenschliche Politik der seit 50 Jahren bestehenden Wirtschaft-, Handels- und Finanzblockade der Regierung der USA gegen das kubanische Volk erwähnt, eine Blockade mit der erklärten Absicht, Hunger, Elend und Verheerung zu erzeugen und damit den Sturz der Revolution zu ermöglichen und folglich die Rückkehr zu einem Kuba des neokolonialen Zustands, in dem es vor dem 1. Jänner 1959 versunken war, zu erreichen.

Ich glaube aber, diese Unterlassung war nicht unabsichtlich. Es ist offensichtlich, dass der Autor die Absicht gehabt hat, sich den Medienkampagnen anzuschließen, die die kubanische Realität verzerren wollen, indem sie die negativen Aspekte, die wir bekämpfen, groß machen und übertreiben; dabei ignorieren sie auch die großen Erfolge und sozialen Errungenschaften, die wir erreicht haben, die gleichzeitig unserem Volk Bewunderung und Anerkennung von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt eingebracht haben, wie z.B.

  • Die kostenlosen und universellen Leistungen im Bereich der Erziehung und der öffentlichen Gesundheit
  • Die öffentliche Sicherheit, über die unser Land sich erfreut.
  • Das umfangreiche System zum Schutz des Kindes, das Recht auf Leben, das uns auch eine Kindersterblichkeit von nur 4,6 pro tausend Lebendgeburten ermöglicht, ein Indikator der sogar die USA übertrifft.
  • Die anerkannten Erfolge Kubas im Kultur- und Sportbereich-ein Ergebnis des politischen Willens, den massiven Zugang zur Ausbildung von Kindern und Jugendlichen in diesen Sparten zu gewährleisten und der volle Zugang auch der Bevölkerung zum Genuss von Veranstaltungen dieser Art.
  • Die Handlungsfähigkeit der Regierung und der kubanischen Gesellschaft bei Naturkatastrophen, die beispielhaft auf internationaler Ebene geworden ist.
  • Der solidarische Internationalismus (irrtümlich häufig „humanitäre Revolution“ genannt) der Kuba in vielen Ländern der Welt leistet; dadurch konnten Millionen von Menschen ihr Leben retten oder die Sehkraft wieder erlangen, sowie lesen und schreiben lernen, um nur einige Beispiele zu erwähnen. 

Die böse Absicht des Artikels zeigt sich sogar in der negativen Einstellung bezüglich der jüngsten Maßnahmen der kubanischen Regierung, dahin gerichtet, die Ausreiseformalitäten der Kubaner zu erleichtern, was sehr positiv nicht nur von unsrem Volk, sondern auch von der internationalen Gemeinschaft aufgenommen worden ist.
Vielleicht hätte der Verfasser erwähnen sollen, dass die größte Einschränkung der Kubaner um reisen zu können – außer Gründe wirtschaftlicher Natur – darin besteht, ein Visum (oder Genehmigung) des Empfängerstaates, den sie besuchen möchten, zu erhalten.

Abschließend, möchte ich noch eine kleine Anmerkung machen. Die Zukunft Kubas hängt nur von den Kubanern ab. Das hat unser Volk schon im Jahr 1959 und wieder im Jahr 1990 gezeigt, als die Insel gegen die imperialen Gelüste der USA praktisch allein gelassen wurde.

Obwohl es einigen weh tut, wir haben schon alle Arten von Aggressionen, Versuche uns zu teilen und zu fraktionieren, sowie subversiven Handlungen und Medienkampagnen widerstanden! Heute steht Kuba mit ganzem Stolz da, bereit sein Recht, frei und unabhängig zu sein, zu verteidigen und das politische, wirtschaftliche und soziale System, das unser Volk auf souveräne Art und Weise gewählt hat, aufzubauen.

Wäre Herr Apfl mit einem Journalistenvisum in mein Land eingereist, das ihm eine offizielle Journalistentätigkeit erlaubt hätte und hätte er diese Tätigkeit – unter Verletzung unserer Gesetze – nicht heimlich ausgeübt, wäre das Ergebnis vielleicht professioneller und objektiver gewesen.

Zum Schluss, freue ich mich Ihnen mitzuteilen, dass dieser Artikel nicht die Sympathie für Kuba widerspiegelt, die ich in den 21 Monaten, seit ich meinen diplomatischen Dienst in diesem Lande ausübe, empfunden habe; er entspricht auch nicht der positiven Dynamik, die die Beziehungen zwischen unseren Regierungen und Völkern, auf der Grundlage der Kooperation und des gegenseitigen Respekts, auszeichnet.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und stehe Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung, um über die kubanische Realität Gedanken austauschen zu können.

Hochachtungsvoll,

Juan Carlos Marsán
Botschafter von Kuba in Ősterreich

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